Forum Philosophische Anthropologie der Grenzfragen menschlichen Lebens 2019: Das Gelingen der künstlichen Natürlichkeit.

Mensch-Sein und menschliche Würde an den Grenzen des Lebens unter den Bedingungen disruptiver Technologien

1. Fragestellung der Tagung

Disruptive technologische Innovationen von KI basierten Neuroprothesen bis zur Genschere Crisp-Cas führen genauso wie die technisch vermittelten Gestalten des menschlichen Lebensanfangs in vitro und des menschlichen Sterbens unter Zuständen des Hirntods vor Augen, dass das Verhältnis von Natur und Technik an den Grenzen menschlichen Lebens diffus geworden ist.

Nachdem sich das Diskussionsform Philosophische Anthropologie der Grenzfragen menschlichen Lebens in den Jahren 2017 und 2018 den Fragen nach dem Gelingen des menschlichen Sterbens und dem Gelingen der menschlichen Geburt gewidmet hat, soll es sich 2019 das Gelingen der künstlichen Natürlichkeit an den Grenzen des menschlichen Lebens zum Gegenstand machen. Zu diesem Zweck soll die geplante Tagung am menschlichen Leben auf den Lebensanfang, das Lebensende sowie auf Grenzsituationen inmitten des Lebens blicken, in denen sich – etwa im Fall von Parkinson- oder depressiven Erkrankungen – die bislang für selbstverständlich genommenen Formen des Körper-habens, Leib- oder Selbst-seins oder der Lebensführung auflösen. Im Spektrum der disruptiven, technologischen Innovationen soll sie die Techniken ins Auge fassen, die das Mensch-Sein an seinen Grenzen vermitteln: insb. kI basierte Neuroprothesen, Pränataldiagnostik, Pränataldiagnostik und Eingriffe in das menschliche Erbgut sowie technisch basierte Pflege und Intensivmedizin am Lebensende.

In der Auseinandersetzung mit dem Mensch-Sein, das an seinen Grenzen durch die neuen Technologien (mit)hervorgebracht wird, soll die geplante Tagung eine doppelte – anthropologische und ethische – Fragestellung verfolgen. In anthropologischer Hinsicht soll sie der Frage nachgehen, welche neuen Formen des individuellen und intersubjektiv geteilten Mensch-Seins disruptive Technologien an den Grenzen des Lebens eröffnen. In ethischer Hinsicht soll sie eine kritische Auseinandersetzung mit den Potentialen und Gefahren führen, die von den technisch basierten Formen der Pflege, der Therapie und des Enhancements für die individuelle Lebensführung, die interpersonale Unterstützung – insb. durch die Gesundheitsberufe – und das politische Miteinander ausgehen. Es soll gleichermaßen nach der Eröffnung von neuen Freiheitspotentialen auf individueller, interpersonaler und politischer Ebene wie nach den Gefahren für die Autonomie und die Würde eines jeden Einzelnen, für das Verständnis und die Unterstützung des Anderen in seiner individuellen Besonderheit und für die Gerechtigkeit im politischen Miteinander gefragt werden.

In methodischer Hinsicht ist die Tagung dem Ideal des interdisziplinären Dialogs verpflichtet. Die verschiedenen Aspekte der künstlich vermittelten Natürlichkeit von Menschen an den Grenzen des Lebens sind Gegenstand von unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen und innerhalb der Philosophie nochmals von unterschiedlichen Subdisziplinen und Theorietraditionen: gleichermaßen von der Philosophischen Anthropologie, der Philosophie des Geistes, der Medizinethik und der Technikphilosophie innerhalb der Medizin wie von der Soziologie, der Robotik und den Computerwissenschaften, der Neurobiologie, der Medizin und den Pflegewissenschaften. Wenn die philosophische Auseinandersetzung der Komplexität ihres Gegenstands genügen soll, dann kann sie am Wissen der unterschiedlichen empirischen Wissenschaften nicht vorbeigehen. Aus diesem Grund macht es sich die Tagung zum Gelingen der künstlichen Natürlichkeit an den Grenzen des Lebens – wie bereits ihre Vorgängertagungen 2017 und 2018 – zur Aufgabe, ein Gespräch zwischen Vertreterinnen und Vertretern der unterschiedlichen, relevanten Disziplinen zu stiften.

Die geplante Tagung soll die Auseinandersetzung mit dem Gelingen der künstlichen Natürlichkeit in fünf Sektionen führen. Eine erste Sektion soll sich der normativen Frage nach dem Gelingen und Misslingen der künstlichen Natürlichkeit an den Grenzen des menschlichen Lebens annehmen. Die zweite Sektion und die Abendveranstaltung sollen den Fokus auf unterschiedliche Formen der künstlichen Intelligenz in der Medizin richten und aus unterschiedlichen Richtungen der philosophischen Ethik die ethischen Herausforderungen diskutieren, die von der sog. 'embodied AI' ausgehen. Die folgenden Sektionen drei und vier sollen ethische Auseinandersetzungen mit den Herausforderungen führen, die vom Einsatz disruptiver Technologien am Anfang und am Ende des Lebens ausgehen. Das Diskussionsforum am Ende der Tagung soll schließlich die anthropologische Frage nach dem Mensch-Sein und dem Bild des Menschen im Transhumanismus zum Gegenstand haben.

2. Organisatorisches

Ort: Katholische Akademie Bayern/Kardinal Wendl Haus, Mandlstraße 23, 80802 München

Termin: 09.07. 2019, 9 Uhr bis 10.7.2019, 17.30 Uhr

Organisation: Olivia Mitscherlich-Schönherr (HfPh, München)

Teilnahme:

Bitte melden Sie sich unter: gelingende-kuenstlichkeit@hfph.de an.

Für die Teilnahme fällt eine Teilnahmegebühr von 66.- € (für Studierende 51.- €) an. Damit wird das Mittagessen am Dienstag und Mittwoch, das Abendessen am Dienstag sowie die Pausenverpflegung beglichen. Falls Sie vegetarisch essen möchten, geben Sie das bitte bereits bei Ihrer Anmeldung an. Für Übernachtung inklusive Frühstück fallen zusätzlich 59.- € (für Studierende 50.- €) pro Nacht an. Bitte teilen Sie uns ebenfalls schon bei Ihrer Anmeldung mit, ob und wie viele Nächte Sie in der Akademie übernachten wollen. Wir bitten Sie, Ihre Rechnung während der Tagung in der Akademie zu begleichen.

 3. Programm

 Dienstag, 09.07.2019

 9.00 Uhr:      Begrüßungskaffee

9.30 Uhr:      Begrüßung (Olivia Mitscherlich-Schönherr, HfPh München)

1. Sektion:   Transhumanismus in der philosophischen Diskussion

                    Moderation:  Tobias Sitter (HfPh, München)

9.45 Uhr:     Jos de Mul (Philosophie, NL-Rotterdam):

                   „Transhumanismus aus Sicht der Philosophischen Anthropologie Helmuth Plessners.″

11.00 Uhr:     Kaffee

11.30 Uhr:    Tobias Müller (Natur- und Technikphilosophie, HfPh München):

                    „Grenzen der natürlichen Künstlichkeit. Die technische Manipulation des Menschen und die transhumanistische Utopie"

12.30 Uhr:   Mittagessen

2. Sektion:   „Mensch-Sein und menschliche Würde angesichts von verkörperter bzw. inkorporierter, Künstlicher Intelligenz.″

                    Moderation: Theresa Willem (HfPh, München)

14.00 Uhr:    Hans-Peter Krüger (Philosophie, Potsdam):

                    „Zur Integration künstlicher neuronaler Netzwerke in die personale Lebensführung″

15.00 Uhr:    Kaffee

15.30 Uhr:    Olivia Mitscherlich-Schönherr (Philosophische Anthropologie, HfPh):

                     „'Unterscheiden' mit Neuroprothesen. Digitale Mündigkeit aus Sicht einer verstehenden Sorge-Ethik″

16.30 Uhr:    Alena Buyx (Medizinethik TU München):

                    „Dr Robot will see you now? Herausforderungen durch verkörperte KI aus der Perspektive der Medizinethik.″

18.00 Uhr:    Abendessen

19.00 Uhr  Abendvortrag von Armin Grunwald (Technikphilosophie, Karlsruhe):

                   „Digitale Aufrüstung des Gehirns. Liegt die Zukunft des Gehirns in der Technik?″

                   Moderation: Olivia Mitscherlich-Schönherr (Philosophische Anthropologie, HfPh München)

                 

Mittwoch, 10.07.2019

3. Sektion: „Mensch-Sein und menschliche Würde angesichts von Technik basierter Pflege und Intensivmedizin am Lebensende.″

                  Moderation: Daniel Kersting (Philosophie, Jena)

9.00 Uhr:    Annette Hilt (Philosophie, Mainz):

                 „Raum geben und Zeit lassen: Die Frage nach dem Takt einer ars moriendi
angesichts der Intensivmedizin

10.00 Uhr:  Kaffee

10.30 Uhr:   Gesa Lindemann (Soziologie, Oldenburg):

                  „Zu krank, um tot zu sein.″

11.30 Uhr:   Constanze Giese (Pflegeethik, KSH München):

                  „Überlegungen zum Einsatz der „Pflegerobotik″ und technischer Innovationen in der pflegerischen Versorgung - Ansätze und Wissensbestände aus Pflegepraxis, Pflegeethik und Pflegewissenschaft.″

12.30 Uhr: Mittagessen

4. Sektion:  „Diskussionsforum: Mensch-Sein und menschliche Würde angesichts von in Vitro-Fertilisation, PID und Eingriffe in das menschliche Erbgut am Lebensanfang.″

                  Moderation: Olivia Mitscherlich-Schönherr (Philosophische Anthropologie, HfPh München)

13.30 Uhr: Elke Holinksi-Feder (Humangenetik, München):

                   „Die Herausforderungen durch die disruptiven Technologien am Lebensanfang aus Sicht der Humangenetik.″

14.30 Uhr:   Christina Schües (Philosophie, Lübeck):

                  „'Ein Thier heranzüchten, das versprechen darf' - eine paradoxe Aufgabe der pränatalen Diagnostik am Lebensanfang″

15.30 Uhr: Kaffee

5. Abschlussdiskussion: Menschen-Sein und menschliche Würde angesichts disruptiver Technologien

Moderation: Tobias Müller (Naturphilosophie, HfPh München):

16.00 Uhr:   Marcus Düwell (Philosophische Ethik, NL-Utrecht):

                    „Verstoßen disruptive Technologien gegen die Menschenwürde?″

16.30 Uhr:   Godehard Brüntrup (Metaphysik, Philosophie des Geistes, Sprachphilosophie, HfPh):

                    „Bewusstsein, Intentionalität und Maschinenintelligenz″

17.30 Uhr:    Tagungsende