„Philosophie ist Zukunft!“ - HFPH-Team im Finale der Digital Future Challenge

Wie für alle dieser Tage läuft es für Eileen Kassner und ihr Team aus Studierenden der Hochschule für Philosophie München nicht ganz wie geplant. Eigentlich sollten sie am 24. März 2020 im Bundeskanzleramt vor der Jury der Digital Future Challenge ihr Konzept eines digital-ethischen Grundgesetzes für das weltweit agierende Darmstädter Chemie- und Pharmaunternehmen Merck präsentieren. Die Schirmherrin des Projekts, Staatsministerin Dorothe Bär (CSU), hatte sie dazu eingeladen. Doch durch die Corona-Pandemie ist alles anders. Das Finale findet nun – passend zum Thema – online statt. Zwar kommen alle Teams für eine Minute plus Q&A zu Wort. Doch die Bewertung nimmt die Jury stärker als ursprünglich geplant auf Basis des eingereichten Konzepts vor.

„Wir sind froh, dass die Veranstalter das Finale trotz der aktuellen Krise möglich gemacht haben“, betont Kassner. „Es ist natürlich schade, dass wir unser Konzept nicht live vor Publikum und Jury vorstellen können. Aber die Vorkehrung ist notwendig und richtig.“

Die Veranstalter der Digital Future Challenge, das sind die Deloitte-Stiftung und die Initiative D21. 230 Studierende in 55 Teams haben sich Ende 2019 beworben, um Unternehmen bei der verantwortungsvollen Gestaltung der digitalen Transformation zu unterstützen. Die Studierenden wollen nicht nur dabei helfen, Chancen und Risiken abzuwägen, sondern Handlungsempfehlungen und Leitprinzipien entwickeln. Corporate Digital Responsibility (CDR) nennen Unternehmer diesen Bereich. Acht Teams sind mit ihren CDR-Konzepten Ende Januar ins Finale eingezogen, darunter das HFPH-Team um Eileen Kassner, Sebastiano Toso, Amira Elkashef, Alice Bauer, Kathrin Ohliger, Jan Solzbacher. Einige Monate zuvor hatten sie an der HFPH an dem Seminar „Unternehmerische Digitale Verantwortung – Implementierungsfragen Angewandter Ethik in Wirtschaft und Medien“ (LINK) von Prof. Dr. Alexander Filipović teilgenommen. Gegenstand des Kurses war auch die Bewerbung für die Digital Future Challenge.

Die Themen der Challenge, aus denen die Teams wählen konnten, reichen vom vertrauensvollen Umgang mit Algorithmen in der Finanzindustrie über den Einsatz von digitalen Bildungsmaterialien in Schulen bis hin zu Automatisierungstechnologien in der Produktion. Das HFPH-Team entschied sich, Merck bei der Entwicklung eines unternehmenseigenen digital-ethischen Grundgesetz zu unterstützen. Hintergrund sind Überlegungen zu einem sogenannten data marketplace, einer Plattform, die den Zugang zu medizinischen Daten und deren Aufbereitung ermöglicht. So sollen aus bereits vorhandenen Patientendaten neue Erkenntnisse gewonnen werden, ohne dass die Nutzer der Plattform die Daten selbst besitzen.

Das HFPH-Team hat – ausgehend von der Menschenwürde als unumgänglicher Leitlinie – Richtlinien wie Autonomie und Gerechtigkeit definiert, aus denen sich wiederum Regeln und letztlich auch Implementierungsmaßnahmen ableiten. In diesem Video stellt Eileen Kassner das Konzept des HFPH-Teams vor:

Medienethiker Alexander Filipović freut sich über den bisherigen Erfolg seiner Studierenden. „Ich bin sehr stolz auf das gesamte Team und drücke natürlich weiterhin fest die Daumen“, sagt er. „Sie haben den Sieg verdient!“ Das Gewinnerteam kann sich über eine Forschungsreise nach Brüssel freuen. Ihr vorgestelltes Konzept wird Teil einer Publikation der Initivative D21, welche als klarer Denkanstoß für die relevanten Akteure der EU und Bundespolitik dient. Eine Gelegenheit, Gegenwart und Zukunft mit eigenen Ideen positiv zu gestalten.

Kassner rechnet Ihrem Team durchaus Chancen auf einen der vorderen Plätze aus. „Wir bringen den Vorteil mit, dass wir ein sehr diverses Team sind“, ist sie überzeugt.  So bestehe ihre sechsköpfige Gruppe neben reinen Philosophinnen unter anderem auch aus einem Psychologen und einer Ärztin. „Ich selbst bin Wirtschaftspsychologin und war auch im Gesundheitswesen tätig“, erklärt die 28-Jährige.

Doch sie alle eint ihr Philosophiestudium. „Ich denke, die Philosophie ist unser Unique Selling Point“, sagt Kassner. Nicht nur inhaltlich sieht sie ihr Philosophiestudium als Vorteil für die Challenge. „Wir lernen, Sachverhalte klar, deutlich und einfach darzustellen und mit wenigen Worten auf den Punkt zu kommen.“ Eine Kompetenz, die für einen 3-Minuten-Pitch ebenso von Vorteil sei, wie für ein nur wenige Seiten umfassendes Konzept.

Schon im Halbfinale seien sie das einzige Team aus Philosophinnen gewesen. Und auch bei Merck beschäftigen sich laut Kassner bislang Biomediziner, nicht Philosophinnen und Philosophen mit dem Thema CDR. „Die freuen sich über frischen Wind von Philosophiestudierenden“, berichtet sie. Der Trend Corporate Digital Responsibility zeige deutlich, dass es in der unternehmerischen Praxis mehr angewandte Ethik brauche. „Um kritische datenethische Fragen angemessen zu beantworten braucht es ein ethisches Fundament“, ist sich die Studentin sicher. „Ich sage es immer wieder: Philosophie ist Zukunft.“