Alumni im Porträt: Dr. Nathalie von Siemens

Alumni im Porträt: Dr. Nathalie von Siemens

Alumni der Hochschule für Philosophie München arbeiten erfolgreich in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Medien, Kultur und Kirche. In der Reihe „Alumni im Porträt“ sprechen wir mit ausgewählten Persönlichkeiten über ihre Zeit in der Kaulbachstraße und ihre heutigen Aufgaben.

Wir setzen unsere Interviewreihe mit Dr. Nathalie von Siemens fort. Nach einer Promotion in antiker Ethik bei Prof. Dr. Dr. Friedo Ricken SJ ist Dr. von Siemens ist unter anderem Mitglied des Aufsichtsrats der Siemens AG und seit 2013 geschäftsführender Vorstand der Siemens Stiftung.

 

Wie blicken Sie heute auf Ihr Studium an der Hochschule zurück?

Mich haben immer die großen Fragen bis hin zu den letzten Dingen fasziniert. Deshalb habe ich Philosophie studiert. Ich bin sehr dankbar, dass ich an der HfPh im Grundstudium zunächst sowohl eine Reise durch die Philosophiegeschichte erleben als auch mit den großen systematischen Fragestellungen ringen durfte. Ohne eine solche Basis ist wissenschaftliches Arbeiten in keinem Fach möglich.

Unsere Professoren haben uns dabei von Anfang an ermutigt, Philosophie als Tätigkeit zu begreifen. Es ging nicht allein darum, Wissen zu erwerben. Vielmehr waren wir aufgefordert, durch Meditation und Diskussion der Texte und Gedanken anderer unsere eigenen Fähigkeiten zu entwickeln. Heute arbeite ich mit Lehrenden in Deutschland, Lateinamerika und Afrika an zeitgemäßen pädagogischen Methoden in der MINT-Bildung. Das Erlebnis der Selbstwirksamkeit der Lernenden steht dabei im Mittelpunkt.

Aber dafür braucht es eine echte Beziehung und Interaktion zwischen Lehrenden und Lernenden. An einer vergleichsweise kleinen Organisation wie der Hochschule, in der man sich persönlich kennen kann, sind die institutionellen Voraussetzungen dafür natürlich hervorragend. Was man daraus macht, bleibt jeder und jedem selbst überlassen. Ich freue mich sehr, dass ich sowohl mit meinem Doktorvater Pater Ricken in engem Kontakt bin, als auch unter meinen Kommilitoninnen und Kommilitonen Freundinnen und Freunde fürs Leben behalten habe.

 

Sie haben über Aristoteles promoviert. Welche Konzeptionen würden Sie aus der antiken Ethik in die moderne Unternehmenswelt übernehmen?

Die zwei grundsätzlichen Fragen der antiken Ethik sind für mich, was für eine Art von Mensch ich sein will und was das gute oder glückliche Leben ist. Diese Fragen sind heute so relevant wie damals. Und die Einsicht, dass die Antwort etwas mit einem guten Charakter zu tun hat und mit der Fähigkeit der klugen Abwägung, scheint mir ziemlich zeitlos. Ob Margentreiber oder Sozialromantiker: Abwägen und Entscheiden – wer in einem Unternehmen Verantwortung trägt, tut genau das. Meistens ist die Qualität der Entscheidung abhängig von der Qualität der Abwägung. Und von der Qualität der Beziehung der beteiligten Menschen! Gerade bei Platon und Aristoteles kann man unendlich viel über diese Dinge lernen. Und dass das alles ziemlich emotional und wirklich schwierig ist. Das scheint mir auch ein wichtiger Aspekt, gerade weil wir in einer Zeit der Sehnsucht nach einfachen Antworten leben.

 

Sollten junge Menschen Philosophie studieren?

Die Digitalisierung und zunehmend auch die Biologisierung haben einen Paradigmenwechsel ausgelöst, der unsere Gesellschaften grundsätzlich verändert. 60 Prozent der heutigen Schülerinnen und Schüler werden in Berufen arbeiten, die es heute noch nicht gibt. Wenn es überhaupt noch das Konzept des Berufs geben wird. Spezialwissen ist immer wichtig, braucht aber gerade in Zeiten des Wandels übergeordnete Fähigkeiten des Fragenstellens, des abweichenden Denkens, der Urteilskraft oder der Problemlösung. All das gehört zu den sogenannten „21st century skills“ und ist zutiefst philosophisch. Wenn ich früher gefragt wurde, wozu ich denn Philosophie studieren würde, habe ich mich sehr geärgert. Denn ich wollte ja nicht Philosophie studieren, um damit etwas anderes zu tun als eben zu philosophieren. Heute sehe ich, dass mir die Fähigkeiten, um die es in meinem Studium ging, besonders helfen, in meinen verschiedenen Rollen zwischen Stiftung und Aufsichtsgremien wirksam zu werden. Neulich war ich im Sillicon Valley und habe mit Inkubatoren, Acceleratoren, Gründern, aber eben auch mit Vertretern der großen Digitalunternehmen gesprochen. Was mich verblüfft und sehr gefreut hat: Menschen mit einem Studium der Philosophie, vor allem der Ethik werden gesucht. Insofern kann ich den heute Philosophie Studierenden sagen: Wir werden gebraucht!

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