"Alternative, tierfreie Wege gehen"

"Alternative, tierfreie Wege gehen"

Deutsche Autokonzerne haben nach der Diesel-Affäre um manipulierte Abgaswerte einen neuen Skandal. Berichten zufolge wurden Affen im Auftrag einer von VW, Daimler und BMW finanzierten Lobby-Initiative, der "Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor", gezielt Autoabgasen ausgesetzt. So sollte die gesunkene Schadstoffbelastung von Dieselabgasen belegt werden. Teil der Kritik sind auch Versuche, in denen Menschen geziel Stickoxiden ausgesetzt wurden. Wir haben aus diesem Anlass mit Mara-Daria Cojocaru gesprochen. Die Dozentin für Praktische Philosophie forscht an der Hochschule für Philosophie München unter anderem zu tierethischen Fragen, die auch teil ihres Habilitationsprojektes sind.

 

Die Autoindustrie steht wegen Abgasversuchen an Tieren und Menschen massiv in der Kritik. Wie beurteilen Sie diese Kritik?

Cojocaru: Grundsätzlich teile ich diese Kritik. Da es sich bei den nun bekannt gewordenen Versuchen an Affen um Versuche auf der Basis falscher Fakten gehandelt hat, könnte man meinen, das sei ein Sonderfall; wenn es stimmt, dass die Leiter*innen des Experiments nicht wussten, dass das verwendete Auto manipuliert war, sie also von deutlich besseren Abgaswerten ausgegangen sind, dann ist es das auch. Zum anderen gibt es den Vorwurf, dass die Auftraggeber Nutznießer der Ergebnisse waren; der deutsche Ethikrat hat darauf reagiert mit der Sorge, dass deswegen das Vertrauen in die Forschung untergraben würde. Das halte ich nun für Augenwischerei, denn man muss wissen, dass ein sehr großer, wenn nicht der überwiegende Teil der ganz regulären Tierversuche im Kontext einer entsprechend interessengeleiteten Forschung entstehen. Deswegen darf sich die Kritik jetzt nicht auf diesen einen Versuch kaprizieren. Wir müssen uns darüber unterhalten, für welche Versuchszwecke wir als Gesellschaft überhaupt bereit sind, tierliches Leben zu opfern. Und haben wir dafür gute Gründe?

Tierversuche kennt man unter anderem auch aus der medizinischen Forschung, etwa bei der Entwicklung von Behandlungsmethoden oder Medikamenten. Einen medialen Aufschrei wie aktuell gibt es bei diesen Versuchen in der Regel nicht, obwohl sie tagtäglich praktiziert werden. Sind manche Tierversuche ethisch vertretbarer als andere?

Ich denke, dass der Aufschrei ausbleibt, da die Fakten hier zu selten an das Licht der Öffentlichkeit kommen. Viele Menschen würden wohl stärker ins Zweifeln kommen, wenn publik würde, wie selten die Ergebnisse aus dem Tierversuch auf die klinische Praxis übertragbar sind – oder wenn sie wüssten, welchem Leid Tiere tatsächlich ausgesetzt werden, obwohl man die konkreten Versuche manchmal genauso gut am Menschen oder mit tierfreien Methoden durchführen könnte.

Das heißt, für viele Tierversuche gibt es Alternativen?

Ja, hier hat sich zwischenzeitlich enorm viel getan. Tierfreie Versuche sind in der Forschercommunity schlicht noch nicht so etabliert und renommiert wie Tierversuche.

Gibt es unterschiedliche Maßstäbe für die Beurteilung von Versuchen an Menschen und Versuchen an Tieren?

Rein rechtlich gesehen gibt es die natürlich. Versuche an Menschen der Art, wie sie routinemäßig an Tieren durchgeführt werden, sind jedenfalls heute undenkbar. Und auch wenn die bewilligungspflichtigen Tierversuche in Deutschland und anderen Ländern in der Theorie stark reguliert sind, ist das bei weitem weniger restriktiv als bei Menschen. Die Menschen, die sich für Versuche zur Verfügung stellen, tun dies freiwillig. Was damit rechtlich abgebildet wird, ist aber kein ethischer Konsens.

Gibt es denn einen ethischen Konsens?

In der Ethik gibt es unterschiedliche Positionen. Es gibt die, die Versuche grundsätzlich ablehnen, zumindest, wenn es sich nicht gerade um Intelligenztests mit von ihren Familien gebrachten Haushunden handelt. Es gibt aber auch die, die sagen, man sollte tatsächlich idealiter an Menschen forschen. Da das nicht oder in nur sehr eingeschränktem Rahmen geht, halten sie den Tierversuch für die beste Option. Und es gibt viel dazwischen. Wie geht man nun mit so einer Pluralität an ethischen Perspektiven um? Lädt man sich einfach die Ethiker*in ein, deren Position der Forschung am besten in den Kram passt? Manchmal hat man ein bisschen den Eindruck, dass es in der Praxis so läuft. Deswegen ist es auch Unsinn, sich darauf rauszureden, dass ein ethics board einen Versuch befürwortet hat. In den USA, aber auch in Deutschland, kann das, was in diesen Gremien passiert, leider kaum als Glanzstück ethischer Deliberation gelten.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern?

Zwei Dinge scheinen mir besonders wichtig: Zum einen sollten die moralischen Zweifel, die in Gesellschaft und Politik zu finden sind, sehr viel stärker mit einbezogen werden. Zum anderen muss man die These, dass der Tierversuch das Beste sei, was wir haben, im Lichte der alternativen, tierfreien Methoden viel genauer prüfen. Dass der Tierversuch als Goldstandard in der Forschung betrachtet wird, hat kontingente Gründe und wird heute vielerorts wissenschaftlich, nicht moralisch, in Zweifel gezogen.

VW-Konzernchef Matthias Müller hat sich mittlerweile für die Versuche entschuldigt und angekündigt, man werde in Zukunft auf Tierversuche verzichten. Reicht das aus?

Das ist nett, aber reicht natürlich nicht aus, da Matthias Müller wahrscheinlich gar nicht alleine darüber entscheiden darf, ob man bei oder für VW Tierversuche durchführt oder nicht. Es gibt auch gesetzlich vorgeschriebene Tierversuche. Wie viele davon bei VW anfallen, weiß ich nicht. Aber mich interessiert ehrlicherweise auch nicht, was Herr Müller sagt. Wir brauchen eine gesamtgesellschaftliche, empirisch fundierte und ethisch geschulte Debatte darüber, ob wir das überhaupt wollen, oder ob es nicht vielmehr moralisch zweifelhaft und wissenschaftlich geboten ist, bei diesen Versuchen alternative, tierfreie Wege zu gehen.

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