415 | Dr. Olivia Mitscherlich-Schönherr

Natur und Technik an den Grenzen menschlichen Lebens aus Sicht der Philosophischen Anthropologie und der Medizinethik

Hauptseminar 2-stdg.
Raum: Seminarraum 1
Termine: Dienstag 14.15-15.45 Uhr

MA-IB: III(SC), V
Master Ethik: III(MED,MEZ), V
BA: WP Naturphilosophie (auslaufend), WP Medien (auslaufend), III/2
MAkons: III(GN,EG)

Thematik

Im Zentrum des geplanten Seminars steht die Frage nach einer ‚Technisierung‘ des Menschen. Wenn gegenwärtig über eine ‚Technisierung‘ des menschlichen Lebens diskutiert wird, dann wird der Begriff der ‚Technisierung‘ auf unterschiedliche Weise verwendet. Darunter wird das Einbringen von Technik in den menschlichen Körper; die technische Gewinnung von Wissen über und die technischen Eingriffe in das menschliche Erbgut; sowie die Organisation und Optimierung des gesellschaftlich geteilten menschlichen Lebens durch Technik (insb. durch die Digitaltechnologien) verstanden. Das Seminar soll sich mit der ‚Technisierung‘ des Menschen in diesen unterschiedlichen Aspekten auseinandersetzen. Seinen Schwerpunkt soll das Seminar auf die biotechnologische Medizin setzen, die sich seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts herausgebildet hat und insb. auf die Möglichkeiten zu einer technischen Verlängerung des Lebens, auf die Reproduktionsmedizin, auf die Pränataldiagnostik und die Eingriffe in das menschliche Erbgut durch die genetische Medizin sowie auf die Neurotechnologien (insb. die sog. ‚closed loop‘-Technologien bzw. KI basierte Neurotechnologien) blicken, die in den Körper eingebracht werden – um nach einer ‚Technisierung‘ des Menschen durch die biotechnologische Medizin der Gegenwart zu fragen. Neben den therapeutischen Anwendungen sollen auch Anwendungen zu Zwecken des ‚Enhancements‘ diskutiert werden.

Ziele

Die Auseinandersetzung mit der biotechnologischen Medizin ist nicht nur von großer gesellschaftspolitischer Relevanz, da in ihr die Weichen künftiger Formen der Therapie gestellt werden. Die ‚Technisierung des Menschen‘ fordert das philosophische Denken zugleich sowohl in anthropologischer als auch in ethischer Hinsicht heraus, da sie klassische Unterscheidungen von menschlicher Natur und Technik unterläuft. In anthropologischer Hinsicht konfrontieren die Phänomene einer ‚Technisierung des Menschen‘ u.a. mit den Fragen, wie das Verhältnis von menschlicher Natur und Technik jenseits einfacher Dualismen zu bestimmen ist, ob es von Menschen und Technik ‚geteilte Handlungen‘ bzw. ‚geteilte Akteurschaft‘ geben kann und wie letztere zu verstehen wären. In ethischer bzw. politischer Hinsicht konfrontieren sie u.a. mit der Frage nach Maßstäben der Kritik möglicher Ausgestaltungen der ‚Technisierung‘; und zwingen in eine Auseinandersetzung mit Fragen der Authentizität, der Autonomie und der Verantwortung angesichts der unterschiedlichen Formen der ‚Technisierung‘ – etwa der ‚Tiefenhirnstimulation‘ – hinein.

Methode

Vorläufiges Programm:

(Über das endgültige Programm entscheiden wir gemeinsam in der Einführungssitzung.)

23.4.2019: Einführung

I. Ansätze zu einer anthropologischen Auseinandersetzung mit einer ‚Technisierung‘ des Menschen.

30.4.2019 Künstlichkeit und Technik als vermittelndes Medium unmittelbaren Lebens und Erlebens.

Textgrundlage:

● a. Helmuth Plessner: Die Positionalität der exzentrischen Form. Das Ich und der Personcharakter, in: Ders.: Die Stufen des Organischen und der Mensch, Berlin / New York 1975, 288-293.

● b. Ders.: Das Gesetz der natürlichen Künstlichkeit, in: Ders.: Die Stufen des Organischen und der Mensch, Berlin / New York 1975, 309-321.

7.5. 2019 Die moderne Technik als Dispositiv menschlichen Lebens.

Textgrundlage:

● Gernot Böhme: Invasive Technisierung, in: Ders.: Invasive Technisierung. Technikphilosophie und Technikkritik, Zug 2008, 11-22; 32-36.

14.5.2019 Die Technisierung der menschlichen Natur durch die Nanotechnologie.

Textgrundlage:

● Armin Grunwald / Yannick Julliard: Nanotechnologie – Schritte zur Technisierung des Menschen? In: Giovanni Maio / Jens Clausen / Oliver Müller (Hg.): Mensch ohne Maß? Reichweite und Grenzen anthropologischer Argumente in der biomedizinischen Ethik, Freiburg / München 2008, 328-359.

II. Medizinethische Positionen zu einer ‚Technisierung‘ des menschlichen Lebens.

a. Überlegungen zu einer kritischen Theorie der ‚Technisierung‘.

21.5.2019 Möglichkeiten einer kritischen Theorie der biotechnologischen Herstellung des Lebendigen durch die biotechnologische Medizin.

Textgrundlage:

● Andrea Manzei: Eingedenken der Lebendigkeit im Subjekt? – Kritische Theorie und die anthropologischen Herausforderungen der biotechnologischen Medizin, in: Gernot Böhme / Andrea Manzei (Hg.): Kritische Theorie der Technik und der Natur, München 2003, 199-220.

b. Medizinethische Positionen zu Aspekten der ‚Technisierung‘ menschlichen Lebens.

28.5.2019 Ethische Herausforderungen durch Versuche an Menschen.

Textgrundlage:

● Hans Jonas: Im Dienste des medizinischen Fortschritts: Über Versuche an menschlichen Subjekten, in: ders.: Technik, Medizin und Ethik, Frankfurt a. Main 1985, 109-145.

4.6.2019 Die technisierten Todesdispositive der Moderne. Textgrundlage:

● Petra Gehring: Tod und Technik, in: Dies.: Theorien des Todes zur Einführung, Hamburg 2010, 157-165.

● Dies.: Die deregulierten Tode und ihre Aktualität Tod und Technik, in: Dies.: Theorien des Todes zur Einführung, Hamburg 2010, 166-188.

11.6. 2019 keine Seminarsitzung wegen Pfingsten.

18.6.2019 Reproduktionsmedizin: Ethische Herausforderungen durch eine ‚Technisierung‘ des Lebensanfangs.

Textgrundlage:

● Giovanni Maio: Der herstellbare Mensch? Warum der Mensch auch im Zeitalter der Reproduktionsmedizin Anfang bleibt, in: Oliver Müller / Giovanni Maio (Hg.): Orientierung am Menschen. Anthropologische und normative Perspektiven, Göttingen 2015, 381-394.

25.6.2019 Ethische Herausforderungen, mit denen KI basierte Neurotechnologien konfrontieren. Textgrundlage:

● a. Raphael Yust, Sara Goering et al.: Four ethical priorities for neurotechnologies and AI, in: Natre 2017 (551), 159-163.

● b. Philipp Kellmeyer: Mind the accountability gap: On the ethics of shared autonomy between humans and intelligent medical devices, in: http://blog.practicalethics.ox.ac.uk/2016/10/guest-post-mind-the-accountability-gap-on-the-ethics-of-shared-autonomy-between-humans-and-intelligent-medical-devices/

2.7.2019 Die politische Gestaltung künftiger Möglichkeiten des Neuro-Enhancements.

Textgrundlage:

● Petra Schaper-Rinkel: Neuro-Enhancement Politiken. Die Konvergenz von Nano-Bio-Info-Cogno zur Optimierung des Menschen, in: Bettina Schöne-Seifert et.al. (Hg.): Neuro-Enhancement. Ethik vor neuen Herausforderungen, Paderborn 2009, 295-320.

Abschlussdiskussion und Evaluation

8. – 9.7.2019 Tagung „Das Gelingen der natürlichen Künstlichkeit. Mensch-Sein und menschliche Würde an den Grenzen des Lebens unter den Bedingungen disruptiver Technologien“.

9.7.2019, 19 Uhr Abendvortrag von Armin Grunwald: „Digitale Aufrüstung des Gehirns. Liegt die Zukunft des Gehirns in der Technik?“

Alternative Themen zur Diskussion im Seminar:

a. Ethische Auseinandersetzung mit der ‚Odysseus-Verfügungen‘ in Bezug auf die Tiefe Hirnstimulation.

Textgrundlage:

● Sabine Müller: Odysseus-Verfügungen mit besonderer Berücksichtigung der Tiefen Hirnstimulation. Pro, in: Ethik in der Medizin 216 (28), 255-258.

● Elsa Romfeld: Odysseus-Verfügungen mit besonderer Berücksichtigung der Tiefen Hirnstimulation. Contra, in: Ethik in der Medizin 216 (28), 259-262.

b. Ethische Herausforderungen durch biotechnische Strategien des Enhancements

Textgrundlage:

● Christina Schües: Menschliche Natur, glückliche Leben, zukünftige Ethik, in: Miriam Eilers et. Al. (Hg.): Verbesserte Körper – gutes Leben. Bioethik, Enhancement und die Disability Studies, Frankfurt a. Main et. Al., 41-62.

c. ‚Embodied AI‘: Ethische Herausforderungen durch Formen verkörperter Technik.

Textgrundlage:

● Klaus Mainzer: Leben als Maschine? Perspektiven der Forschung: Hoffnungen und Ängste der Menschen, in: Elif Özmen (Hg.): Über Menschliches. Anthropologie zwischen Natur und Utopie, Münster 2016, 121-150.

d. Ethische Herausforderungen durch die ‚digitale Medizin‘.

Textgrundlage:

● Auszug aus der Stellungnahme des Deutschen Ethikrats: Big Data – Datensouveränität als informationelle Freiheitsgestaltung, Berlin 2018.

Voraussetzungen

Bereitschaft zur regelmäßigen Teilnahme am Seminar und zur selbständigen Lektüre der Seminartexte in Vorbereitung der Seminarsitzungen.

Qualifikation

Voraussetzung für den Erwerb eines benoteten Seminarscheins ist eine schriftliche Seminararbeit. Semesterbegleitende Leistungen – wie etwa ein Referat (mit Handout) oder ein (verschriftlichtes) Protokoll – werden auf den Umfang der Seminararbeit angerechnet.