27 | Dr. Andreas Gösele SJ

Deontische Logik. Grundlagen, Paradoxien, Entwicklungen

Hauptseminar 2-stdg. Mittwoch, 17–19 Uhr
Raum: Seminarraum 4
Termine: ab 14.10.2015
BA: III/2
MAkons: III (RV, EG)
MA-Ethik: III
Mag: F1, F3, F9
ZEP: A

Thematik

Ein besonders lebendiges Forschungsgebiet der Logik ist die sogenannte deontische Logik. Kurz und etwas vereinfacht kann diese als die Logik von Normen und Normensystemen bzw. von Aussagen über das, was geboten, erlaubt oder verboten ist, definiert werden. Neben u.a. Logikern, Juristen und Ethikern, sind es heute vor allem auch Computerwissenschaftler, die zur Forschung in diesem Gebiet beitragen.

Daß es eine solche Logik geben sollte, legt sich nahe, wenn wir einen Blick auf tatsächliche Normen werfen. In dem Browserspiel „The West“ gilt z.B. folgende Spielregel: „Es ist verboten, Werbelinks oder Referer-Links zu anderen Internetseiten zu veröffentlichen.“ Es scheint, daß man daraus aus rein formalen Gründen (ohne sonst irgend etwas über Browserspiele zu wissen) folgern kann: „Es ist verboten, Werbelinks zu veröffentlichen.“ Oder auch: „Es ist erlaubt, keine Werbelinks zu veröffentlichen.“

Ein einflußreicher Versuch, diese Intuitionen in ein formales System zu übersetzen, war und ist das sogenannte Standardsystem der deontischen Logik (SDL), in dem sich die beiden Folgerungen in der Tat formal rekonstruieren lassen. Unglücklicherweise ist dieses relativ einfache und intuitiv naheliegende System von vielen sogenannten Paradoxien geplagt, sei es, weil sich Schlüsse, die formal gültig zu sein scheinen, nicht adäquat formalisieren lassen, sei es, weil Schlüsse in SDL gültig sind, die intuitiv falsch zu sein scheinen. So ist in SDL z.B. der Schluß von dem Gebot: „Es ist geboten, die Eltern zu ehren“ auf das Gebot: „Es ist geboten, die Eltern zu ehren oder sie zu bestehlen.“ gültig. Vor allem gelingt es in SDL nicht, Pflichten adäquat zu formalisieren, die sich im Zusammenhang von Pflichtverletzungen ergeben. (Ein Beispiel aus dem Ausländerrecht: Wenn endgültig abgelehnte Asylbewerber gegen ihre Pflicht zur Ausreise verstoßen, sind sie verpflichtet, sich mit Hilfe eines Passes, eines Passersatzes oder eines Ausweisersatzes ausweisen zu können.)

Die Probleme des Standardsystems der deontischen Logik haben zu einer Vielzahl von Versuchen geführt, alternative Systeme der deontischen Logik zu entwickeln, die die Paradoxien vermeiden und genereller die Anforderungen an eine deontische Logik besser erfüllen. Keiner dieser Versuche konnte allerdings bislang allgemein überzeugen: Ein Grund – neben der hohen praktischen Relevanz – dafür, daß auch aktuell soviel in diesem Bereich geforscht wird.

Ziele

Im Seminar werden wir zunächst das System SDL kennenlernen und uns in diesem Zusammenhang Grundlagen der Modallogik erarbeiten. Nach einem Überblick über viele der in der Literatur diskutierten Grenzen und Paradoxien dieses Systems, werden wir uns dann mit verschiedenen älteren und aktuellen Versuchen beschäftigen, die Schwächen der SDL zu überwinden.

Neben einer Einführung in die deontische Logik und Grundlagen der Modallogik, bietet das Seminar auch die Möglichkeit, einen ersten Einblick in nicht-klassische Logiken zu gewinnen.

Voraussetzungen

Grundkenntnisse der Aussagen- und Prädikatenlogik, ausreichende Englischkenntnisse, regelmäßige Teilnahme, Bereitschaft zur aktiven Mitarbeit und Übernahme eines Referats

Qualifikation

Schriftliche Seminararbeit, Teilnahme an der Moodle-Diskussion, Übernahme eines Referats

Literatur

Zur Einführung (weitere Literatur im Seminar):

McNamara, Paul, "Deontic Logic", The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Winter 2014 Edition), Edward N. Zalta (ed.), URL = <http://plato.stanford.edu/archives/win2014/entries/logic-deontic/>.