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Humboldts Theorie der Bildung. Ihre philosophischen Voraussetzungen und ihre gegenwärtige Bedeutung

Hauptseminar 2-stdg.
Raum: Seminarraum 4
Termine: Mittwoch 18-20 Uhr, ab 25.10.17

MA-IB: III(IE,PB), V
Master Ethik: V
BA: WP Bildung (auslaufend), III/2

Thematik

Wenn von Bildung die Rede ist, wird auch heute - nach 200 Jahren - auf Wilhelm von Humboldt verwiesen. In der Tat hat dieser im Geist seiner Zeit eine (fragmentarische) Theorie der Bildung entworfen. Humboldt will zeigen, was Bildung im Sinne von Menschwerdung bedeutet. Ein Kerngedanke hierbei ist die "Verknüpfung unseres Ichs mit der Welt". Diese "Verknüpfung" kann auf vielfältige Weise geschehen, weil die Kräfte des Individuums und die Erscheinungsformen der Welt mannigfaltig sind. Eine hervorgehobene Bedeutung hat dabei die Sprache.

Humboldts Bildungsidee muss vor allem als eine anthropologische, erst in zweiter Linie als eine pädagogische gesehen werden. Als solche, d.h. als philosophische Fragestellung, fordert sie uns auch heute heraus, eine 'gebildete' Antwort auf unsere ökonomisierte, technologisierte und globalisierte Welt zu finden. Wie müssen wir dieser Welt begegnen, um gleichzeitig human zu bleiben oder zu werden? Humboldt soll uns im Seminar ein historischer Anlass sein, uns mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Beispielhaft bietet sich hierzu auch ein Vergleich des modernen Konstrukts der 'Bologna-Universität' mit Humboldts Idee einer Universität an. Unter anderem stellt sich angesichts des Zusammenlebens mit Fremden die Frage nach einer interkulturellen Bildung.

Humboldts Bildungsidee ist zum einen zeitgebunden, zum anderen ist sie über die vergangenen zwei Jahrhunderte häufig missverstanden worden. Anhand von zentralen Texten Humboldts wollen wir im Seminar fragen, was noch Bestand haben und was uns anregen kann. Denn der Frage nach 'Bildung' oder anders ausgedrückt: der Frage, wer wir sein wollen, können wir nicht ausweichen.

Ziele

Die Kerngedanken von Humboldts Bildungsidee verstehen - ihre historische Bedingtheit - den Zusammenhang mit Sprache; kritische Prüfung ihrer Aktualität - ihrer Bedeutung zur Bestimmung des Bildungs-Auftrags der Universität und einer interkulturellen Bildung.

Methode

Intensive Diskussion von Humboldts einschlägigen Texten - Lektüre von Sekundärliteratur - Darstellung von Zusammenhängen.

Voraussetzungen

Vorbereitung anhand der angegebenen Literatur - aktive und regelmäßige Mitarbeit im Seminar.

Zielgruppe

Studierende der Philosophie, Ethik, Interkulturellen Bildung, Erwachsenenbildung (MA-IB: III (IE, PB), V - Master Ethik: V - BA: III/2, WP Bildung)

Literatur

● Adorno, W. Theodor (1979): Theorie der Halbbildung; in: Ders.: Soziologische Schrif­ten I, hg. von Rolf Tiedemann. Frankfurt am Main, S. 93-121.

● Benner, Dietrich (2003): Wilhelm von Humboldts Bildungstheorie: eine problemge­schichtliche Studie zum Begründungszusammenhang neuzeitlicher Bildungsreform. 3. Aufl. Weinheim/München: Juventa.

● Borsche, Tilman (1981): Sprachansichten. Der Begriff der menschlichen Rede in der Sprachphilosophie Wilhelm von Humboldts. Stuttgart: Klett.

● Borsche, Tilman (2015): "'Bildung' - Bemerkungen zu Geschichte und Aufgabe einer Idee"; in: Graupe, Silja/Schwaetzer, Harald (Hg.): Bildung gestalten. Akademische Auf­gaben der Gegenwart. Bernkastel-Kues: Aschendorff. (ebook)

● Brenner, Peter J. (²2011): Kultur als Wissenschaft. Aufsätze zur Theorie der modernen Geisteswissenschaft - vor Bologna, nach Bologna. Berlin: Lit., insbes. S. 303-348.

● Danner, Helmut (2015): Von westlicher Arroganz zu interkultureller Bildung. Ein Ver­such; in: Vierteljahres­schrift für wissenschaftliche Pädagogik, Nr. 3, 2015, S. 353-373.

● Eirmbter-Stolbrink, Eva (2005): Wilhelm von Humboldt interkulturell gelesen. Nordhau­sen: Bautz. [ebook bei Huebscher].

● Fingerle, Karlheinz (1997): Zur bildungspolitischen Rezeption Wilhelm von Hum­boldts; in: Wicke, Erhard u.a. (Hg.) (1997): Menschheit und Individualität. Zur Bil­dungstheorie und Philosophie Wilhelm von Humboldts. Weinheim: Deutscher Studien Verlag.

● Gall, Lothar (2011): Wilhelm von Humboldt. Ein Preuße von Welt. Berlin: Propyläen.

● Herder, Johann G. (2005): Sprachphilosophie: ausgewählte Schriften. Hamburg: Meiner.

● Humboldt, Wilhelm von (1979): Bildung und Sprache. Besorgt von Clemens Menze. 3. Aufl. Paderborn.

● Humboldt, Wilhelm von (1964ff): Werke in fünf Bänden. Hg. von Andreas Flitner und Klaus Giel. Darmstadt: WBG.

● Koller, Hans-Christoph (2003): "Alles Verstehen ist daher immer zugleich ein Nicht-Verstehen". Wilhelm von Humboldts Beitrag zur Hermeneutik und seine Bedeutung für eine Theorie interkultureller Bildung; in: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 4/2003, S. 515-531.

● Krautz, Jochen (2015): "Zersetzung von Bildung: Ökonomismus als Entwurzelung und Steuerung. Ein Versuch"; in: Graupe, Silja/Schwaetzer, Harald (Hg.): Bildung gestalten. Akademische Aufgaben der Gegenwart. Bernkastel-Kues: Aschendorff. (ebook)

● Lederer, Bernd (Hg.) (2013): "Bildung": was sie war, ist, sein sollte. Zur Bestimmung eines strittigen Begriffs. Fortführung der Diskussion. Baltmannsweilser: Schneider.

● Leibniz, Gottfried Wilhelm (2002): Monadologie und andere metaphysische Schriften. Hg. von Ulrich Johannes Schneider. Hamburg: Meiner.

● Menze, Clemens (1964): Der Bildungsbegriff des jungen Friedrich Schlegel. Ratingen: Henn.

● Menze, Clemens (1965): Wilhelm von Humboldts Lehre und Bild vom Menschen. Ra­tingen: Henn. (ebook bei TU Darmstadt)

● Menze, Clemens (1975): Die Bildungsreform Wilhelm von Humboldts. Hannover u.a.: Schroedel.

● Menze, Clemens (1980): Leibniz und die neuhumanistische Theorie der Bildung des Menschen. Opladen: Westdeutscher Verlag.

● Spranger, Eduard (1909): Wilhelm von Humboldt und die Humanitätsidee. Berlin: Reuther/Reichard.