411 | Dr. Andreas Gösele SJ

Die Logik der Normen und ihre Paradoxien

Hauptseminar 2-stdg.
Raum: Seminarraum 5
Termine: Donnerstag 16.15-17.45 Uhr

MA-IB: V
Master Ethik: V
BA: III/2, WP Logik (auslaufend)
MAkons: III(RV,EG)

Thematik

Ein besonders lebendiges Forschungsgebiet der Logik ist die deontische Logik. Kurz und etwas vereinfacht kann diese als die Logik von Normen und Normensystemen bzw. von Aussagen über das, was geboten, erlaubt oder verboten ist, definiert werden. Neben Logikern, Juristen und Ethikern, sind es heute vor allem auch Computerwissenschaftler, die zur Forschung in diesem Gebiet beitragen.

Dass es eine solche Logik geben sollte, legt sich nahe, wenn wir einen Blick auf tatsächliche Normen werfen. In dem Browserspiel „The West“ gilt z.B. folgende Spielregel: „Es ist verboten, Werbelinks oder Referer-Links zu anderen Internetseiten zu veröffentlichen.“ Es scheint, dass man daraus aus rein formalen Gründen (ohne sonst irgend etwas über Browserspiele zu wissen) folgern kann: „Es ist verboten, Werbelinks zu veröffentlichen.“ Oder auch: „Es ist erlaubt, keine Werbelinks zu veröffentlichen.“

Ein einflussreicher Versuch, diese Intuitionen in ein formales System zu übersetzen, war und ist das sogenannte Standardsystem der deontischen Logik (SDL), in dem sich die beiden Folgerungen in der Tat formal rekonstruieren lassen. Unglücklicherweise ist dieses relativ einfache und intuitiv naheliegende System von vielen sogenannten Paradoxien geplagt, sei es, weil sich Schlüsse, die formal gültig zu sein scheinen, nicht adäquat formalisieren lassen, sei es, weil Schlüsse in SDL gültig sind, die intuitiv falsch zu sein scheinen. Vor allem gelingt es in SDL nicht, Pflichten adäquat zu formalisieren, die sich im Zusammenhang von Pflichtverletzungen ergeben.

Die Probleme des Standardsystems der deontischen Logik haben zu einer Vielzahl von Versuchen geführt, alternative Systeme der deontischen Logik zu entwickeln, die die Paradoxien vermeiden und genereller die Anforderungen an eine deontische Logik besser erfüllen. Keiner dieser Versuche konnte allerdings bislang allgemein überzeugen: Ein Grund – neben der hohen praktischen Relevanz – dafür, dass auch aktuell soviel in diesem Bereich geforscht wird.

Im Seminar werden wir zunächst das System SDL und einige seiner Vorläufer kennenlernen und uns in diesem Zusammenhang Grundlagen der Modallogik erarbeiten. (Neben einer Einführung in die deontische Logik bietet das Seminar also auch die Möglichkeit, einen ersten Einblick in die Modallogik zu gewinnen.) Der Rest des Seminars ist vielen der in der Literatur diskutierten Grenzen und Paradoxien dieses Systems gewidmet und einigen Versuchen, die Schwächen der SDL zu überwinden.

Methode

Vorbereitende Lektüre, Diskussion im Moodle, Referate, ausführliche Diskussion in der Sitzung.

Voraussetzungen

Grundkenntnisse der Aussagen- und Prädikatenlogik, ausreichende (passive) Englischkenntnisse, regelmäßige und aktive Teilnahme, Teilnahme an der Moodle-Diskussion, Bereitschaft zur Übernahme eines Referats

Qualifikation

Schriftliche Seminararbeit, Übernahme eines Referats

Literatur

McNamara, Paul, "Deontic Logic", The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Fall 2018 Edition), Edward N. Zalta (ed.), URL = https://plato.stanford.edu/archives/fall2018/entries/logic-deontic.

Gabbay, Dov, John Horty, Xavier Parent, Ron van der Meyden, Leendert van der Torre, Hrsg. (Okt. 2013). Handbook of Deontic Logic and Normative Systems. College Publications.

(Weitere Literatur im Seminar.)