417 | Dr. Olivia Mitscherlich-Schönherr

Theorien des Herzens aus Sicht der modernen Kardiologie und der philosophischen Anthropologie

Hauptseminar 2-stdg.
Raum: Seminarraum 5
Termine: Montag 17.00-18.30 Uhr

MA-IB: III(IE,PB), V
Master Ethik: III(MEZ), V
BA: III/2
MAkons: III(GN)

Thematik

Inner- wie außerakademisch wird in der Gegenwart – aus unterschiedlichen Perspektiven – über die Funktion des Gehirns für das menschliche Denken diskutiert. Geistesgeschichtlich breitet sich die darin als Selbstverständlichkeit vorausgesetzte Annahme des Gehirns als des menschlichen Zentralorgans in der frühen Neuzeit aus. Demgegenüber galt der aristotelisch-scholastischen Tradition das Herz als Zentralorgan und „Sitz“ der menschlichen Seele. In biblischer Tradition verwenden Augustinus und die an ihn anschließende Herzensphilosophie den Begriff des Herzens zur Bezeichnung sowohl des Organs als auch der höchsten Seelentätigkeit des Menschen: der Akte, sich auf Gott zu beziehen. Das Herz steht damit für die grundlegende metaphysisch-existentielle Lebensorientierung, die allen rationalen Werturteilen und Willensbestimmungen vorausgeht. Dabei wird zwischen dem liebenden Sich-Öffnen und Zuständen der Verstocktheit unterschieden. Wer ein hörendes Herz hat, öffnet sich erotisch für das ihm Begegnende, sieht die ihm von Gott aufgegebene Bestimmung ein und orientiert sich an ihr in seiner Lebensführung. Lebensweltlich sind wir bis heute von diesem Herzensethos bestimmt, wenn wir davon sprechen, dass uns das Herz leicht oder schwer wird; dass sich uns das Herz weitet oder zusammenzieht; wenn wir versprechen, uns etwas zu Herzen zu nehmen oder in unserem Herzen zu bewegen; oder wenn wir jemanden ein gutes oder schlechtes, weiches oder hartes, hörendes oder verstocktes Herz zusprechen. Der Bruch zwischen dem Herzmuskel und den Tätigkeiten der Seele sowie die Umstellung vom Herzen zum Gehirn als Zentralorgan vollziehen sich in der frühen Neuzeit im Cartesianismus. Auf psychologischer Seite reduziert Descartes die Seelentätigkeit – unter Abstraktion vom emotionalen Erleben – auf das Denken, das er seinerseits im Gehirn verortet. Auf physiologischer Seite eignet er das – von William Barley aufgedeckte – Herz-Kreislauf-Geschehen mechanistisch an und erklärt die physiologische Herzaktivität unter Abstraktion von dessen Peripherie als mechanische Pumptätigkeit.

Im geplanten Seminar soll nach dem Zusammenhang der unterschiedlichen körperlichen, leiblichen, seelischen und geistigen Aspekte des menschlichen Herzens gefragt werden. Dabei nährt sich die Frage danach, was das Herz im Inneren zusammenhält, u.a. durch die Forschungsergebnisse der modernen Psychokardiologie von psychosomatischen Herzkreislauferkrankungen. Ziel des Seminars ist es, einen Diskussionsrahmen zwischen moderner Kardiologie und Philosophischer Anthropologie zu stiften. Im Dialog von Philosophischer Anthropologie und Kardiologie soll das Herz in seinen unterschiedlichen Aspekten und deren innerer Verschränkung diskutiert werden. Die Mechanisierung des Herzens in der Physiologie soll genauso behandelt werden, wie das unmittelbar leibliche Erleben des Herz-Brustbereichs, die sub-rationalen Seelentätigkeiten der Gefühlszustände und Emotionen – zu deren Bezeichnung lebensweltlich häufig auf den Begriff des Herzens zurückgegriffen wird – und der geistige Begriff des Herzens, der in Vorstellungen von der Güte oder Schlechtigkeit menschlicher Herzen zum Ausdruck kommt. Aus Sicht der normativen Ethik soll im Seminar sowohl über eine gute Betätigung des menschlichen Herzens als auch über Herztransplantationen diskutiert werden.

Ziele

Das Seminar zielt auf die Vertiefung der Kenntnisse in der philosophischen Anthropologie, der Medizinethik sowie auf die Einübung in eigenständiges Argumentieren.

Methode

Die Lehrveranstaltung verbindet persönliche Lektüre und Diskussionen in der Gruppe. Damit an der Lehrveranstaltung mit Gewinn teilgenommen werden kann, ist von allen Teilnehmenden verlangt, den der Lehrveranstaltung jeweils zugrundeliegenden Text vorab zu studieren. Die Texte finden sich auf Moodle.

Ein Semesterplan, in dem die Themen der einzelnen Seminarsitzungen angegeben sind, findet sich ebenfalls auf Moodle.

Voraussetzungen

Voraussetzung der Teilnahme ist das Interesse an Fragen der Philosophischen Anthropologie und der Medizinethik sowie die Bereitschaft zur eigenständigen, vorbereitenden Lektüre, zur Teilnahme an den Seminardiskussionen und zur Übernahme eines Referats oder einer Diskussionsleitung. Es werden keine Vorkenntnisse in der philosophischen Anthropologie, der Medizinethik oder der Medizin sind verlangt.

Qualifikation

Bedingung für den Erwerb eines qualifizierten Scheins ist

─ während des Semesters die Übernahme eines Referats (mit schriftlichem Handout), einer Diskussionsleitung (mit Protokoll) oder eines Literaturberichts

─ sowie die Verfassung einer Seminararbeit in Anschluss an das Seminar.

Die semesterbegleitenden, schriftlichen Leistungen werden ihrem Umfang nach auf den Umfang der Seminararbeit angerechnet.

Zielgruppe

Die Veranstaltungsreihe richtet sich an Studierende der Philosophie – insb. mit den Schwerpunkten „Geist und Natur“ und der „Medizinethik“ – sowie an alle Interessierte.

Literatur

Die Texte, die im Rahmen des Seminars gemeinsam diskutiert werden sollen, finden sich auf Moodle.