101 | Prof. Dr. Andreas Trampota SJ

Allgemeine Ethik

Vorlesung 2-stdg.
Raum: Aula
Termine: Montag 10.15 - 12.00 Uhr

MA-IB: V
Master Ethik: V
BA: I/3

Thematik

1. In einem ihrer Bücher schreibt Christine Korsgaard, dass Jay Schleusener (einer ihrer Lehrer) zu ihr gesagt hat, dass Sokrates (die Leitfigur des abendländischen philosophischen Denkens) gut darin war, eine Person zu sein.

2. Maßstab für dieses Person-sein, das sich insbesondere in der Personalität menschlichen Handelns manifestiert, ist laut Platon, dem wir diese Vorstellung verdanken, eine bestimmte Verfasstheit des Menschen (der menschlichen Seele), die dadurch zustande kommt, dass er sich selbst seinen spezifisch menschlichen Anlagen entsprechend konstituiert und sein Handeln davon leiten lässt. Auf diese Weise wird sein inneres und äußeres Handeln zu einem genuin menschlichen Handeln (einer actio hominis).

3. Das politische Spiegelbild dieser Verfassung des inneren Menschen ist eine bestimmte Verfassung der staatlichen Gemeinschaft, in der der Mensch seiner Natur entsprechend lebt. Denn die Personalität ist etwas Dynamisches, das seinen Ausdruck in der Wahl einer bestimmten menschlichen Lebensform mit vielen unterschiedlichen individuellen Ausprägungen findet.

4. Für die Güte (das Gutsein) des menschlichen Handelns ist vor allem die innere Einheit des Handelnden und davon abgeleitet die Einheit der Gesellschaft, in der er lebt, maß-geblich. Sie kommt durch das wohl geordnete Zusammenspiel der aktiv-reflexiven und der passiv-rezeptiven Aspekte des menschlichen Geistes und der staatlichen Organe zustande.

5. Damit das menschliche Entscheiden und Handeln von einer Wert-orientierten, normativen Wahrnehmung und der damit einhergehenden Urteilskraft bestimmt wird, braucht es auf der Ebene des menschlichen Bewusstseins entsprechende tugendhafte Konstitutionsbedingungen, die das menschliche Tier prägen. Aristoteles hat dieses Modell der tugendhaften Werterkenntnis im Anschluss an seinen Lehrer Platon systematisch expliziert.

6. Kant hat darüber hinausgehend die Bedingungen für die Selbst-konstitution des Menschen im Handeln herausgearbeitet, die dadurch zustande kommt, dass er sein Handeln als selbstbewusstes menschliches Tier durch eine unbedingte, freie Willensbestimmung zu einem im Vollsinne personalen Handeln macht und dadurch in ein Prinzipien-geleitetes, durch Pflichten und Rechte geprägtes Verhältnis der Verantwortung zu sich selbst und anderen tritt, das die höchste Ausdrucksform seiner menschlichen Würde ist, die ihn (hinsichtlich seiner Anlage zur Moralität!) weit über die übrige Natur erhebt.

7. Dieses in groben Umrissen skizzierte platonisch-aristotelisch-kantische Modell der Ethik bzw. Moralphilosophie, das sowohl die weitere Dimension des Guten als auch die engere Dimension des Richtigen in ihrer Komplementarität umfasst, wird zur Schärfung seines Profils dem empiristisch-naturalistischen Sentimentalismus David Humes und dem Utilitarismus Mills vergleichend und kontrastierend gegenübergestellt. Erster versucht die ethische Dimension des Handelns aus einer Dritte-Person-Perspektive zu entwickeln und letzterer reduziert das menschliche Handeln auf eine Form von Produktivität. Trotz der Kritik an dem instrumentellen Missverständnis der praktischen Vernunft in den beiden Modellen, finden sich bei beiden Autoren aber auch wichtige Inspirationen, wie z. B. die wichtige Funktion des Prinzips der Wirksamkeit für das menschliche Handeln, das allerdings in allen Fällen, in denen es auf die Moralität des Handelns ankommt, dem Autonomieprinzip nach- bzw. untergeordnet werden muss.

Ziele

Einführung in die Grundlagen, Methoden und Bereiche der Ethik bzw. Moralphilosophie

Methode

Vorlesung mit Fragemöglichkeit

Voraussetzungen

Keine; Vorlesung im Rahmen des Bachelorstudiums

Zielgruppe

MA-IB: V, Master Ethik: V, BA: I/3

Literatur

- Terence Irwin: The Development of Ethics. A Historical and Critical Study.

-- Vol. 1: From Socrates to the Reformation, Oxford 2007.

-- Vol. 2: From Suarez to Rousseau, Oxford 2008.

-- Vol. 3: From Kant to Rawls, Oxford 2009.

- Otfried Höffe: Ethik. Eine Einführung, München 2013.

- Hugh LaFolette/Ingmar Persson (Hg.): The Blackwell Guide to Ethical Theory, Oxford 2013.

- Herlinde Pauer-Studer: Einführung in die Ethik. Stuttgart 2010 (2. Auflage).

- Annemarie Pieper: Einführung in die Ethik. Tübingen 2007. (6. Auflage)

- Friedo Ricken: Allgemeine Ethik. Stuttgart 2012 (5. Auflage).

- Jan Rohls: Geschichte der Ethik. Tübingen 1991.

- Jerome B. Schneewind: Essays on the History of Moral Philosophy. Oxford 2010.

- Christine Korsgaard: Self-Constitution: Agency, Identity, and Integrity. Oxford 2009.

- Andreas Trampota: Autonome Vernunft oder moralische Sehkraft? Das epistemische Fundament der Ethik bei Immanuel Kant und Iris Murdoch. Stuttgart 2003. (Münchener Philosophische Studien Bd. 21)

Spezifischere Literaturangaben zu den einzelnen Teilen der Vorlesung folgen im Laufe des Semesters. Es wird ein Skript zu der Vorlesung geben, das aber nicht mit dem alten von 2016 identisch ist. Es wird den Hörern sukzessive in Teilen zur Verfügung gestellt.