303 | Dr. Andreas Gösele SJ

Anthropozentrismus: Wer (oder was) zählt in der Ethik?

Proseminar 2-stdg.
Raum: Seminarraum 4
Termine: Dienstag 18.15 - 19.45 Uhr

BA: III/1

Thematik

Wörtlich meint »Anthropozentrismus« eine Position, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, ohne deshalb andere Wesen notwendigerweise auszuschließen. Bei Anthropozentrismus in der Ethik denkt man aber meist an Positionen, für die in moralischen Fragen von allen in der Welt vorkommenden Entitäten allein Menschen und menschliche Interessen direkt zu berücksichtigen sind. Historisch waren die meisten (nicht alle) der einflußreichen ethischen Theorien in der westlichen philosophischen Tradition in diesem Sinn anthropozentrisch. Das gilt z.B. für die ethische Theorie Kants, der – wie nach ihm Hegel – Tiere als bloße Sachen betrachtete, denen gegenüber Menschen keine direkten Pflichten haben.

Spätestens seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat sich die Situation tiefgreifend geändert: Der Anthropozentrismus in der Ethik befindet sich im Rückzug. Die wichtigste alternative Position ist der Pathozentrismus, der genau allen empfindungs- und insbesondere leidensfähigen Lebewesen einen moralischen Status zuschreibt, der unbedingt und direkt zu berücksichtigen sei. Aber die Kreise werden auch weiter gezogen: Auch biozentrische (alle Lebewesen verdienen direkte moralische Berücksichtigung), umfassend physiozentrische (alle natürlichen Entitäten haben moralischen Status) und holistische (die Natur, die Erde oder Biosysteme als Ganzes haben unmittelbaren moralischen Wert) werden in unterschiedlichsten Varianten vertreten. Die Debatte ist jedoch nicht abgeschlossen: Nicht nur der Anthropozentrismus sieht sich der fortdauernden Kritik ausgesetzt, auch die Alternativen werden von anthropozentrischer Warte aus in Frage gestellt. Im umweltethischen Diskurs dominieren darüberhinaus de facto nach wie vor anthropozentrische Ansätze und auch in der Tierethik gibt es nach wie vor wichtige Beiträge, die von einer anthropozentrische Position ausgehen.

Ziele

Das Proseminar soll dazu helfen, einen ersten Überblick über diese Debatte zu gewinnen. Wichtige Vertreter alternativer Positionen sollen zum Wort kommen, aber begleitet von den Stimmen, die aus unterschiedlichen Perspektiven heraus nach wie vor für Varianten des Anthropozentrismus plädieren.

Methode

Vorbereitende Lektüre, kurze einführende Referate, ausführliche Diskussion der Texte.

Voraussetzungen

Bereitschaft zur aktiven Mitarbeit. Ausreichende Englischkenntnisse.

Qualifikation

Regelmäßige Teilnehme, Übernahme eines Referats, Teilnahme im Online-Forum, Proseminararbeit.