Interview mit Prof. Dr. Martin Heinze

Interview mit Prof. Dr. Martin Heinze

Über die Bedeutung der Wechselwirkung von Philosophie und Medizin gibt in diesem Wintersemester eine hochkarätige Ringvorlesung zu Grenzfragen der Medizin Auskunft.

Wir haben Prof. Dr. Martin Heinze dazu befragt, wie er das Verhältnis von Psychiatrie und Philosophie beurteilt. Der Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Psychotherapie sowie Forensische Psychiatrie diskutierte im Rahmen der Ringvorlesung mit Prof. Dr. Peter Henningsen über Krisen der individuellen Lebensführung. Seit 2011 ist Professor Heinze Chefarzt der Abteilung für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik an der Immanuel Klinik Rüdersdorf.

  

An welchen Stellen berühren sich Philosophie und Psychiatrie als Wissenschaften?

Hierzu gibt es systematisch zwei grundlegende Möglichkeiten: Erstens kann die Philosophie für die Psychiatrie eine Moderatorfunktion erfüllen. Hier wird durch die Psychiatrie von der Philosophie vor allem deren begriffliche und begriffshistorische Kompetenz nachgefragt. Statt wie die Naturwissenschaften konstitutives Wissen, so genannte „hard facts“, zur Verfügung zu stellen, bietet die Philosophie der Psychiatrie eine Orientierung in diesem Wissen an, d.h. ein regulatives Wissen um begründete Zwecke und Ziele, so genannte „soft facts“.

Die Philosophie moderiert dann im Sinne möglicher unterschiedlicher Zwecke und Ziele und ihnen jeweils entsprechender Methoden mögliche begriffliche und theoretische Konflikte auf drei Ebenen: der Ebene der Kommunikation der unterschiedlichen psychiatrischen Ausrichtungen untereinander (intradisziplinäre Moderatorfunktion), der Ebene der Kommunikation dieser unterschiedlichen Ausrichtungen mit anderen Natur- als auch Geisteswissenschaften (interdisziplinäre Moderatorfunktion) und schließlich auf der Ebene der wissenschaftstheoretischen Grundlagenforschung im Sinne einer Klärung der psychiatrischen Grundbegriffe (metadisziplinäre Moderatorfunktion).

Auf allen drei Ebenen spielt die Philosophie gewissermaßen implizit schon immer eine Rolle. Aber auch explizit wird auf die Kompetenz der Philosophie in diesen Bereichen immer wieder zurückgegriffen, wenn es zu Kommunikationsproblemen oder ernsten Infragestellungen von bereits etablierten Konzepten bzw. zur Neueinführung von psychiatrischen Grundbegriffen kommt. Generell gilt, dass jeder wissenschaftliche Paradigmenwechsel in der Psychiatrie ein Anwendungsfall für philosophische Begriffs- und Grundlagenreflexion ist.

  

Welchen Mehrwert kann die Psychiatrie aus dem Dialog mit der Philosophie ziehen?

Die zweite, systematisch und grundlegend andere Möglichkeit des Verhältnisses von Philosophie und Psychiatrie ist die, dass die Philosophie der Psychiatrie ihr methodisches, historisches und ethisches Wissen als für die Psychiatrie selbst konstitutives Wissen direkt zur Verfügung stellt. Diese direkte Einflussnahme der Philosophie auf die Psychiatrie macht sich immer dann geltend, wenn gewisse Verstehens- und Analysekategorien, die mit bestimmten Traditionen philosophischen Denkens verbunden sind, zur Ausbildung psychiatrischer Lehr- und Denkrichtungen führen. In der Vergangenheit ist dies z.B. der Fall gewesen in der von Jaspers ausgehenden deskriptiv-phänomenologischen Richtung der Psychiatrie, weiterhin in der von Binswanger inspirierten daseinsanalytisch-anthropologischen Richtung sowie in der von Conrad begründeten ganzheits- und gestaltpsychologischen Richtung. Auch die Herausbildung der Sozialpsychiatrie wäre ohne direkten Einfluss der Philosophie in diesem Sinne gar nicht möglich gewesen. Sie integriert gegenwärtig die vor allem aus der strukturalistischen und poststrukturalistischen Philosophie erwachsenden Ansätze und leistet damit erneut eine historische Infragestellung der psychiatrischen Kategorien.

  

Welchen Mehrwert kann die Philosophie aus dem Dialog mit der Psychiatrie ziehen?

Die Philosophie hat meines Erachtens in einem prinzipiellen Sinne eine besondere Affinität zur Psychiatrie. Dies liegt vielleicht in einer gewissen Übereinstimmung mit dem, was der Psychiater Wolfgang Blankenburg in seinem bekannten Buch den „Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit“ genannt hat. Insofern nämlich die Philosophie – oder besser: das philosophische Denken – in ihrer Grundhaltung gerade die bewusste Problematisierung und Infragestellung natürlicher Selbstverständlichkeiten darstellt, d. h. diese Infragestellung ausdrücklich praktiziert, kann sie den im psychotischen Er-leben unmittelbar und weitgehend passiv erfahrenen Verlust auf die in der Philosophie schon von je her thematisierten Grundbedingungen und Konstituentien menschlicher Existenz durchsichtig machen. In der Psychopathologie finden sich gewissermaßen die Extreme der „conditio humana“ thematisiert, aus denen „ex negativo“ grundsätzliche Kategorien der menschlichen Existenz und Geschichte erhellt werden können. Solche Argumentationen finden sich in der klassischen Philosophie, z. B. in der Thematisierung der Angst bei Sören Kierkegaard und Martin Heidegger. Diese Argumentationslinie wird von Autoren wie z. B. dem frühen Michel Foucault und Michael Theunissen weiter verfolgt.

  

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen in der Psychiatrie des 21. Jahrhunderts?

Die „Decade of the Brain“ mit ihren vielfältigen Ergebnissen zu den biologischen Grundlagen des Denkens, Fühlens und Handelns hat dazu geführt, dass ein anderer Aspekt der Psychiatrie, der der sprechenden Medizin, zu kurz gekommen ist. Die therapeutische Beziehung zwischen Subjekten wurde in einer so verkürzten psychiatrischen Wissenschaft auf eine Forschung am Objekt reduziert. Die Subjektivität der therapeutischen Beziehung, aber auch die Sozialität von Menschen gilt es wieder in die psychiatrische Wissenschaft zu integrieren. Die kann nur in einem fruchtbaren Dialog mit der Philosophie als einer der Grundlagenwissenschaften der Psychiatrie gelingen. Insbesondere gilt es, angesichts des Faktums leidender Menschen, individuell und sozial, einen angemessenen Begriff von Subjektivität wieder stark zu machen. Philosophie wäre ganz konkret am Entwurf derjenigen Modelle von Subjektivität beteiligt, an denen sich die Psychiatrie notwendigerweise, vielleicht aber auch nolens volens, orientiert, wenn sie sich nicht nur des konstitutiven Wissens der Naturwissenschaften bedienen will, die solche Modelle gar nicht kennen oder sich ihnen, wie z. B. in einigen Bereichen der Neurowissenschaften, überhaupt erst wieder annähern.

Weitere Nachrichten